"Wir müssen mal reden!" mit Dr. Roland Scherer vom Desert Flower Center im Krankenhaus Waldfriede

19.06.2019

In regelmäßigen Abständen lade ich im Rahmen meiner Gesprächsreihe „Wir müssen mal reden!“ Menschen aus Politik und Gesellschaft in mein Bürgerbüro am S-Bhf. Botanischer Garten ein. Am 17. Juni hatte ich Herrn Dr. Roland Scherer zu Gast. Als Leiter des Desert Flower Center im Krankenhaus Waldfriede behandelt er Frauen, die Opfer von Genitalverstümmelungen geworden sind. In unserem Gespräch wollte ich mehr über sein Engagement für die Verbesserung der Lebensqualität dieser Frauen erfahren.

Eine große öffentliche Bekanntheit hat das Thema Genitalverstümmelung durch den Film "Wüstenblume" erhalten. Auch für Herrn Dr. Scherer waren dieser Film und die Arbeit von der Hauptdarstellerin Waris Dirie Ausgangspunkte seines heutigen Engagements. Hieraus ist im Jahr 2010 das weltweit erste Desert Flower Center entstanden. Dort wird Frauen eine ganzheitliche Behandlung bis hin zu rekonstruierenden Operationen ermöglicht. Seit der Gründung haben sich insgesamt 350 Frauen an das Zentrum gewandt, von denen 200 Frauen operiert wurden. Die Behandlung wird durch die Krankenkasse übernommen. Bei Frauen, die nicht krankenversichert sind, übernimmt der Förderverein die Kosten der Behandlung.

Die Patienten, die Herr Dr. Scherer behandelt, stammen ausschließlich aus Afrika. Dort ist die Praxis der Verstümmelung von Frauen immer noch weit verbreitet. Interessant war zu erfahren, dass dies keinen religiösen Hintergrund hat, sondern seinen Ursprung bereits im Jahr 3000 v. Chr. im Alten Ägypten hat. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation werden heute täglich 8000 Mädchen Opfer von Genitalverstümmelungen. Vor allem in Somalia liegt die Beschneidungsrate bei nahezu 100%.
Von hier stammt auch die Mehrzahl der Frauen, die Hilfe beim Desert Flower Center sucht. Häufig sind die Frauen durch ihre Erfahrungen, die sie durch den Krieg in Somalia und die Flucht nach Deutschland gemacht haben, schwer traumatisiert. Daher erfahren sie im Desert Flower Center eine ganzheitliche Behandlung, die auch eine psychosoziale Betreuung umfasst. Diese ist auch besonders wichtig, den die Rekonstruktion bedeutet für die Frauen in der Regel eine Abkehr von ihrem bisherigen sozialen und familiären Umfeld.

Die Arbeit im Krankenhaus Waldfriede ist nur eine von vielen Säulen des Desert Flower Center im Kampf gegen Genitalverstümmelungen. Viele Projekte versuchen vor Ort in Afrika die Gründe für die Durchführung von Genitalverstümmelungen anzupacken. So können Spender im Rahmen des Projektes „Rette eine Wüstenblume“ eine Patenschaft für ein junges Mädchen übernehmen. Denn das Alter, in denen die Verstümmelung erfolgt, liegt zwischen 4 und 12 Jahren. Durch die finanzielle Unterstützung der Familie wird es den Mädchen ermöglicht in die Schule zu gehen und die Eltern können es sich leisten ihre Tochter nicht gegen ihren Willen zu verheiraten. Darüber hinaus arbeitet das Desert Flower Center auch mit örtlichen Krankenhäusern zusammen und schult Ärzte in der Behandlung von betroffenen Frauen.

Erfreulich zu erfahren war, dass die Zahl der betroffnen Frauen allgemein rückläufig ist. Allerdings dringen viele Fälle nicht an die Öffentlichkeit. So wenden sich z.B. an das Desert Flower Center meist nur diejenigen Frauen, die medizinische Beschwerden haben. Alleine für das Land Berlin gehen die Schätzungen von ca. 2500 - 5000 betroffenen Frauen aus. Daher plant das Zentrum seine Arbeit auszubauen. Hierzu soll eine berlinweite Koordinierungsstelle geschaffen werden. Die hierfür notwendigen Gelder sind für den Doppelhaushalt 2020/2021 beantragt. Sehr gerne habe ich im Gespräch meine Unterstützung für das Projekt zugesagt.

Es war ein interessanter und emotional aufwühlender Abend für alle Anwesenden. Ich hoffe mit meiner Einladung einen kleinen Beitrag zu leisten, dass das Thema ein wenig mehr öffentliche Aufmerksamkeit erfährt. Ich danke Herrn Dr. Roland Scherer für seinen Besuch!

Herzlichst,
Ihr Andreas Kugler

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